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Brief an Nikolai Bucharin

Beschreibung:  Prosa von Klara Zetkin
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Brief an Nikolai Bucharin
11. September 1927



Berlin,11.IX.1927
Lieber Freund,

Nachricht über unser Eintreffen in Hamburg werden Sie durch Telegramm von Freunden und eingeschriebene Postkarte erhalten haben. Die Reise verlief programmgemäß, jedoch mit unfreiwilliger Verzögerung.

Seit ich hier bin, rekognosziere und prüfe ich das Terrain für die Entwicklungs-, Arbeits- und Kampfmöglichkeit der Partei. Ich habe zu diesem Zwecke nach und nach mit den Vertretern aller Parteien gesprochen, die Masloviten ausgenommen. Es versteht sich, daß ich dabei sorgfältig vermieden habe, was ”fraktionsmäßig” ausgelegt werden könnte.

Gleich bei meiner Ankunft erfuhr ich durch den gewiß vorsichtigen Wilhelm [Pieck], daß Teddy [Thälmann] seit seiner Rückkehr stark fraktions- oder wohl richtiger cliquenmäßig eingestellt sei und sich von Dengel, Schneller und anderen gegen die nötige Konzentration der Kräfte, ja sogar gegen das Zusammenarbeiten mit Meyer aufputschen lasse. Ich ließ mir daher angelegen sein, vor allen anderen mit Teddy [Thälmann] eine gründliche Aussprache zu haben. Darüber später. Natürlich hielt ich es für Recht und Pflicht, auch Meyer und einige andere Genossen zu hören. Darauf nahm ich an der Sitzung des Polbüros teil, die das Plenum der Z[entrale] vorbereiten sollte, ferner an den Sitzungen des Plenums, die zwei Tage dauerten. In folgendem meine Eindrücke.

Trotz mancher erschwerenden Umstände für unsere Aktivität ist die objektive Situation für die Entwicklung und Tätigkeit einer revolutionären Massenpartei sehr günstig. Die KPD hat sich bis jetzt als schwach und unfähig erwiesen, die Lage auszunutzen. In den Sitzungen des Plenums wurde von allen Seiten widerspruchslos festgestellt, daß die „Radikalisierung" der werktätigen Massen überwiegend von der SPD aufgefangen wird, obgleich ihre Scheinopposition mit den Händen zu greifen ist, und die KPD es an der „Entlarvung“ nicht fehlen läßt. Ungeachtet ihres Verrats und der „linken“ Opposition in ihren Reihen hat sie sich konsolidiert, gewinnt an Mitgliedern und Einfluß im Proletariat. Die KPD - das wurde ebenso widerspruchslos zugegeben - hat seit dem Essener Parteitag keinen Zuwachs an Mitgliedern und Lesern ihrer Presse erfahren, beides ist stationär geblieben, ja in manchen Bezirken zurückgegangen. Die Auflage der „Roten Fahne“ beträgt 72.000, obgleich es an starker und fortgesetzter Reklame dafür nicht fehlt. Die KPD hat nicht einmal die Führung in den Lohnkämpfen, die dank ihrer Initiative entstanden sind. Nebenbei: die bürgerliche Presse spiegelt ab, daß die KPD nicht mit den Massen verbunden ist. Sie behandelt die Partei als quantite negligeable, um die man sich nicht zu kümmern braucht. Bei den Verhandlungen des Plenums traten nur zwei Genossen mit der Ansicht hervor, daß dieser Stand der Dinge sich lediglich aus den objektiven Schwierigkeiten erkläre, und daß Fehler und Mängel der Partei keine Schuld daran trügen, der ewige Jungbursche Willi Münzenberg und der Jugendvertreter Blenkle, den ich bereits in der Sitzung des Polbüros als noch sehr unklar und unreif kennen gelernt hatte. Ihre Stellungnahme - ganz besonders und öffentlich jene Willis [Münzenberg] - war inspiriert von dem Drang, sich „radikal“, „links“ zu geben und zu diesem Zweck gegen Gerhart [Eisler] und Karl Becker zu polemisieren. Die beiden „Linkischen“ fanden jedoch keine Gelegenheit im Plenum. Bei allen Punkten der Tagesordnung hoben die Referenten und Debatteredner Schwächen und Mängel der Partei hervor und gaben Anregungen, was und wie zu bessern sei. Es wurde dabei stark betont: die Notwendigkeit klarer durchgreifender gründlicher Schulung, der Erfüllung der Tageskämpfe mit der kommunistischen Ideologie; Konzentration aller Kräfte auf der Linie der Partei, mit endlicher Überwindung der fraktionellen Reminiszenzen; kollektive Zusammenarbeit und Führung des ZK; Politisierung des RFB; gründliche theoretische und praktische Schulung der Gewerkschaftsredakteure usw., usw. Sie werden ja ein Stenogramm der Verhandlungen und Beschlüsse erhalten. Ob es ganz getreu sein wird, ist eine andere Frage. Das Bedeutsamste der Verhandlungen schien mir, daß sich in dem Auftreten der Vertreter der Bezirke frisches vorwärts drängendes gesundes Leben in den Parteimassen offenbart. Diese beginnen, Kritik zu üben und von der Führung scharfe Selbstkritik zu fordern. Sie erkennen, daß die Partei das Vertrauen der werktätigen Massen zu der Politik und der Führung der Kommunisten fehlt. Sie selbst haben kein Vertrauen zu dieser Politik und dieser Führung. Und die Z[entrale]? Sie ist ebenfalls ohne Vertrauen zu sich, zu ihrer Führung; ihrer Politik. Sie ist unklar, unsicher, schwankend, ratlos, pendelt hin und her zwischen Möchte-gern und Kann-doch-nicht. Sie ist von Cliquentreibereien zersetzt und vergiftet und empfindet das Unhaltbare ihrer Position nach innen und außen. Der Grund dazu ist, daß es den meisten Mitgliedern der Z[entrale] fehlt an Kenntnissen - zumal auch über die Geschichte der Arbeiterbewegung -, an theoretischer Schulung, an politischen Fähigkeiten und politischem Instinkt, an Talenten der Darstellung und Überzeugungskraft und last not least - an Charakterfestigkeit. Allein je mehr diese Mängel an dem Einzelnen vorhanden sind, um so unerschütterlicher ist sein Glauben, daß er der „Deutsche Lenin“ sei. Er versucht seine Überlegenheit dadurch zu beweisen, daß er seine Nebenmänner in der Z[entrale] möglichst viel Dummheiten machen läßt, ja sie zu solchen provoziert. Ein wirklich kollektives Zusammenarbeiten gibt es nicht, kein Ausgleichen und Überwinden der Fehler und Schwächen der Einzelnen, dafür Herausbildung kleiner Cliquen, persönliches Intriguieren, Gegeneinanderarbeiten. Die fraktionellen Reminiszenzen der Gegensätze von „links“ und „rechts“ sind nur noch welke Feigenblätter, nicht lebendige Kräfte. Verhängnisvoll macht sich dabei geltend, daß Teddy [Thälmann] kenntnislos und theoretisch ungeschult ist, in kritiklose Selbsttäuschung und Selbstverblendung hineingesteigert wurde, die an Größenwahnsinn grenzt und der Selbstbeherrschung ermangelt. Er läßt daher seine guten proletarischen politischen Instinkte und Urteile über Menschen und Zustände täuschen und irreleiten durch Ohrenbläser, Schmeichler, Klatschbasen, Intriganten niedrigster Art. Maslow wurde durch Neumann abgelöst, an dessen Stelle scheinen nun Dengel, Schneller, Münzenberg getreten zu sein. Es wird dabei auf Teddys [Thälmann] Ängste spekuliert, daß irgend jemand „linker“ als er sein könne; und daß „Rechte“ ihm als „Linkesten“ die Führung entreißen wollen. Abgesehen von einigen Genossen in der Z[entrale] spielt zumal Maslow auf dieser Saite und mit Erfolg. So wankt Teddy [Thälmann] hin und her zwischen Anfällen einer richtigen Einschätzung der Lage und ihrer Konsequenzen und Anfällen tobender Abwehr dagegen und kann sich in Widerspruch zu sich selbst jeden Tag anders einstellen.

Typisch dafür ist sein Verhalten zu der Rückberufung Augusts [Thalheimer]. Diese war vom Polbüro in Teddys [Thälmann] Abwesenheit einstimmig beschlossen worden. Als Teddy [Thälmann] zurückkam, lehnte er den Beschluß ab. Dengel und Schneller waren wohl von Anfang an nur mit halbem Herzen bei der Entscheidung gewesen. Sie fielen um und bestärkten Teddy [Thälmann] in seinem Widerstand. Eine große Rolle spielte dabei die Berufung auf einen Beschluß des Essener Parteitages in Sachen Brandler-Thalheimer. Der Beschluß war schon damals eine überflüssige und schädliche Konzession an die offenen und heimlichen ultralinken Bundesbrüder Maslows in der Partei. Jetzt ist er politisch und sachlich unhaltbar geworden und ist nur ein Vorwand unklarer und charakterschwacher Elemente, daß die unabweisbar gewordene Konzentration der Kräfte in Wahrheit und Tat oben und unten nicht durchgeführt wird. Die Z[entrale] kann und darf den Beschluß nicht verschweigen, jedoch sie muß die sachlichen und politischen Gründe nachweisen, die trotz seiner [jetzt] Augusts [Thalheimer] rasche Rückführung fordern. Doch auf einmal sah das Polbüro nur Hemmungen und Unmöglichkeit für die Durchführung des eigenen Beschlusses. Dieser war so gut wie erledigt. In dieser Situation hatte ich ein zweistündiges Gespräch mit Teddy [Thälmann]. Es hinterließ einen überwiegend guten Eindruck. Zum Falle August [Thalheimer] vertrat Teddy [Thälmann] wie ich die Auffassung, die Z[entrale] „müsse den Stier bei den Hörnern packen“, kein Verschweigen der Essener Resolution, wohl aber Erklärung der Situation. „Die Rückberufung ist eine Frage der Formulierung, der richtigen Worte, und die werden wir finden.“ Das war Teddys [Thälmanns] Meinung, und er schied mit der Mahnung an mich: „Tritt nur recht scharf auf“. Am nächsten Tage in der Sitzung des Polbüros schwitzte zu meinem Erstaunen der gute Teddy [Thälmann] nur Befürchtungen und unüberwindbare Hemmungen gegen den Beschluß, die einer glatten Ablehnung gleichkamen. Alle Helden der Konzentration fielen tapfer um. Nur Meyer stand allein auf einsamer Flur und verteidigte den Beschluß trefflich mit sachlichen und politischen und persönlichen Gründen. Resultat: mit allen gegen Meyers Stimme wurde beschlossen, dem Plenum eine Stellungnahme vorzuschlagen, die in Wirklichkeit Augusts [Thalheimer] Rückkehr auf Sankt Nimmerlein verschob. Am folgenden Tag in der Sitzung des Plenums - ein verändertes Bild. Teddy [Thälmann] teilte mir mit, daß das Polbüro noch nachträglich auf Antrag Wilhelms [Piecks] „einen Kompromiß“ angenommen habe - es ist die vom Plenum akzeptierte kurze Resolution, - daß er [sie] befürworten, und zudem die Erklärung abgeben werde, daß die Durchführung schleunigst erfolgen solle, das heißt etwa binnen eines Monats für die Aufklärung einiger ultraangehauchter Mitgliedschaften, wie Chemnitz. Meyer hatte in der Abendsitzung des Polbüros sich der Abstimmung über den Kompromiß enthalten, um seine Stellungnahme für das Plenum nicht im voraus zu binden. Gerhart [Eisler], der von dem Kompromißantrag nichts wußte, hatte einen Gegenantrag gegen den früheren Vorschlag des Polbüros eingereicht. Aus bestimmten taktischen Gründen war ich der Ansicht, daß wir unter den vorliegenden Umständen für den Kompromiß stimmen könnten. Wir durften uns nicht mit dem Schein belasten lassen, daß die Rückberufung an unserem „Eigensinn“, unserer „Rechthaberei“ und unserem Mißtrauen gegen die „führende Gruppe“ gescheitert sei. Wir mußten Vertrauen in deren Konzentrationswillen zeigen, um bei Verschleppung oder Sabotage der Rückberufung desto stärker auftrumpfen zu können. Nach Rücksprache mit mir beschlossen Meyer und Gerhart [Eisler] dem Kompromiß zuzustimmen. G[erhart Eisler] wollte seinen Antrag mit einer kurzen Erklärung zurückziehen. Dengels Ausführungen zu der Angelegenheit waren sachlich und gut und ermöglichten diese Haltung. In der Diskussion protestierte kein Redner gegen A[ugust Thalheimer]s Rückkehr, die alte Note der Brandler-Thalheimer Hetze wurde von niemand angeschlagen, der Vertreter der Pfalz forderte nur, gleiche Behandlung für „Linke“ und „Rechte“. Aber Teddy [Thälmann] tischte im Gegensatz zu seinen eigenen Worten am Tage vorher seine aufgewärmte Rede von der Sitzung des Polbüros auf und schwieg in allen Tönen von der schleunigen Durchführung des Beschusses. Meyer wurde dadurch zu einer Entgegnung gezwungen, die so gut und sachlich war, daß Dengel im Schlußwort von Teddy [Thälmann] vorsichtig mit der Wendung abrücken mußte, dieser sei von Meyer „mißverstanden“ worden.

Von den übrigen Verhandlungen des Plenums sei nur hervorgehoben, daß Referat und Diskussion über die wirtschaftlichen Kämpfe und die Gewerkschaftsarbeit eine altbekannte Tatsache bestätigen. Fritz [Heckert] kann nicht Leiter der Gewerkschaftsarbeit sein, wenn aus dieser mehr als ein bloßer Bluff werden soll. Ich verzichte auf weitere Darstellung dessen, was ist. Der Freund, der Ihnen diesen Brief überbringt, wird vollständiger berichten. Ich ziehe die praktischen Schlußfolgerungen für das, was meiner Meinung nach geschehen muß.

Die Cliquenwirtschaft um Teddy [Thälmann] und mit Teddy [Thälmann] muß durch kollektives Zusammenarbeiten ersetzt werden. Teddy [Thälmann] ist das Symbol revolutionärer proletarischer Führung der Partei, aber er selbst ist in der vorliegenden Situation kein Führer und kann kein Führer sein. Die kollektive Führung hat auf der Grundlage der Konzentration zu geschehen. Konzentration der Kräfte nicht bloß in der Z[entrale], vielmehr in allen leitenden und organisierenden Körperschaften der Partei von oben bis unten. Ganz abgesehen davon, daß A[ugust Thalheimer]s Rückkehr zur Durchführung des Kampfes mit der SPD und den Masloviten eine sachliche, politische Notwendigkeit ist, bedeutet sie innen- und außenparteilich den Beweis, daß die Konzentration der Kräfte keine papierene Phrase bleibt, sondern Tatsache wird. Sie wird das Signal sein für die Heranziehung weiterer tüchtiger Kräfte und die Gewinnung neuer. Die Gefahr ist nicht ausgeschlossen, daß der Beschluß sabotiert wird. Deshalb ist unerläßlich, daß ihr auf der schleunigsten Durchführung besteht, unerschütterlich fest in der Sache, klug in der Form.

Sobald Jacob [Walcher] von den Ärzten freigegeben ist, muß er die tatsächliche Leitung der Gewerkschaftsarbeit erhalten. Das Gejammer, daß es keine Kräfte für diese Arbeit gebe, ist falsch. Jannack in Remscheid-Solingen, Ehlers, Dantz und andere in Bremen, Westermann in Hamburg, Schönbeck und viele andere sogenannte „Rechte“ sind geschulte, erfahrene und begabte Gewerkschafter. Es ist höchste Zeit - auch in Hinblick auf die Wahlen -, daß die Partei sich ein Aktionsprogramm oder eine Plattform gibt. Es muß die kommunistische Ideologie als Grundlage haben, das ist unerläßlich. Über die einzelnen Forderungen, Etappenziele usw. muß und kann diskutiert werden. Diese Diskussion könnte durch den endlichen Abdruck des Artikels von Brandler3 eingeleitet werden. Diese Diskussion würde den Geist, das Denken und Studieren in der Partei beleben, der Gedankenarmut und dem Papagei[ge]plapper entgegenwirken, die leider zu deren Wesenszügen gehören.

Der Kampf mit den Masloviten außerhalb und innerhalb der Partei ist nicht wie bisher fast nur organisatorisch zu führen. Er muß auf die ideologische Überwindung abzielen. Dazu ist notwendig, daß die WKP authentisches Material über den Kampf mit der Opposition liefert. Es wird stürmisch verlangt. Wie war nur der Irrtum des Polbüros betreffs der Zitate gegen die Masloviten möglich? Er wird von diesen natürlich stark ausgenutzt. Alles wartet hier auf Aufklärung.

Zum Schluß: Leute wie Osten [Lominadse] sollten nie wieder nach hier kommen. Von offiziellen Lobhudlern abgesehen, sind alle der Meinung, daß er mehr geschadet als genutzt, den Konzentrationsprozeß aufgehalten und gestört habe. Dagegen wird allgemein die baldige Rückkehr Brauns [Ewert] gewünscht, obgleich man über seine mancherlei Unvollkommenheiten im Klaren ist. Meyer hält sich tapfer und klug, aber seine Stellung ist sehr schwer, sie muß gestärkt werden. Über besondere Kapitel, RFB und Frauenarbeit demnächst.

Ich lebe und halte mich. Ende der Woche geht’s nach Stuttgart, Sillenbuch.

Grüßen Sie alle Freunde, Ihnen selbst in treuer Freundschaft festen Händedruck.

Clara Zetkin.
  
Manifest der Kommunistischen Partei
von Karl Marx,
Friedrich Engels
Siehe auch:
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Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung
 
   
 
     

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